Der gebürtige Rheinländer hatte sich nach dem Abitur ganz bewusst für ein Studium an der Hochschule für Künste Bremen entschieden. Nach dem Diplom 1998 folgte 1999 der Schritt in die Selbstständigkeit. Als Sprecher der Wirtschaftsjunioren der Handelskammer Bremen engagiert sich Andreas Teufel auch über sein Unternehmen hinaus für Netzwerke und Startchancen junger Unternehmen und Existenzgründer. VIER sprach mit ihm über Reiz und Chancen, aber auch über Hürden und Klippen beim Sprung ins eigene Unternehmen.
VIER: Nach dem Studium an der Hochschule für Künste Bremen haben Sie den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt. Kann man heute sagen, Sie haben es geschafft? Andreas Teufel: Ja, das kann man sagen. Im nächsten Jahr gibt es uns 10 Jahre. Wir haben uns über alle Höhen und Tiefen der Medienkrise als Team behauptet. Wir haben einen guten, vertrauensvollen Kontakt zu unseren Kunden und haben uns von einer regionalen Agentur inzwischen national und auch international entwickelt. Wie? Was ist das Geheimnis des Erfolgs? Das Erste ist: Wir sind aus der HfK als Team gestartet. Wir waren zu sechst, vier Designer, ein Informatiker und einer fürs Organisatorische. Wir kannten uns aus dem Studium und wussten deshalb: Es passt, die Chemie stimmt zwischen uns, und unsere Kompetenzen und Fähigkeiten ergänzen sich. Wir hatten aus dem Studium schon erste gute Referenzen. Wir haben gemeinsam in einem Projekt der HfK gearbeitet und beispielsweise eine digitale Schrift entwickelt. Und wir hatten schon früh die Idee, mit diesem Team nach dem Diplom auch ins Berufsleben zu starten.
Woher hatten Sie das Selbstbewusstsein zu sagen: Hoppla, Markt, wo bist Du, wir kommen? Ende der 1990er Jahre war der Markt gut für kreative Mediengestalter. So viele Mitbewerber gab es auch noch nicht. Eine unserer Stärken war zweifellos die Kombination von hochwertiger Gestaltung und technischem Know-how, von Design und Informatik. Wenn das nicht zusammengeht, gibt es Reibungsverluste. Es gibt Gestalter, die entwerfen tolle Layouts, die leider technisch überhaupt nicht funktionieren und umgekehrt.
Und woher wussten die Kunden, was Sie können? Ohne unsere Referenzen aus den Zeiten unseres Studiums hätten wir es schwerer gehabt. Aber weil uns die HfK bei diesen Projekten unterstützt hat, kannten potenzielle Kunden uns schon. Es wäre naiv zu glauben, man gründet einfach I mal ein Unternehmen und hofft, die Kunden werden schon kommen. Wir haben schon während des Studiums sehr bewusst auf diesen Schritt hingearbeitet, Kontakte geknüpft, Kunden und Partner gesucht.
Ein Unternehmen zu gründen, bedeutet ja mehr - Büroräume finden und einrichten, Businesspläne aufstellen, Finanzierungen organisieren. Wir mussten in der Tat eine Menge dazulernen und Dinge in die Hand nehmen, die wir im Studium so nicht gelernt hatten. Wir haben uns beispielsweise auf den Hosenboden gesetzt, gerechnet und einen Businessplan aufgestellt. Wir brauchten realistische Prognosen über Aufträge und Umsätze im ersten, zweiten und dritten Jahr. Banken geben einem nun mal nur Geld, wenn man sie vom eigenen Konzept mit plausiblen Zahlen überzeugen kann. Natürlich haben wir das als Zwang empfunden. Ich würde heute aber sagen: Es war ein heilsamer Zwang. Wir mussten uns selbst zwingen, unsere Zukunftsvisionen klar zu definieren. Es hat schließlich keinen Zweck, sich die Welt schönzureden oder -zurechnen. Es ist vernünftig, sich auch in ein Worst-CaseSzenario hineinzudenken. Man muss sich wirklich überprüfen: Wie viel Zeit brauchst du für ein Projekt, was kannst du schaffen? Es hilft nichts, sich selbst oder den Kunden etwas vorzumachen. Wenn ich einem Kunden zusage, in einer Woche bin ich so weit, und brauche dann doch einen ganzen Monat, schneide ich mir selbst ins Fleisch. Sich selbst realistisch einzuschätzen, ist vielleicht die wichtigste Grundlage.
Wenn Sie die Träume des HfK-Erstsemester-Studenten Andreas Teufel mit den Erfahrungen des heutigen Unternehmers Andreas Teufel vergleichen - gab es Häutungen und Metamorphosen? An der HfK habe ich zunächst in vollen Zügen die Freiheit genossen. Ich fand es toll, mich zwischen Design, Typografie, bildender Kunst und Zeichnen bewegen zu können. Die erste Weichenstellung kam dann mit dem Hauptstudium. Da habe ich mich für die digitalen Medien entschieden. Mir war klar geworden: Ich will später einen Beruf, von dem ich leben kann. Ich hatte Freunde und Bekannte, die in der freien Kunst genau das nicht geschafft haben. Der nächste Dämpfer für meinen frühen Idealismus als Kreativer und selbstbestimmter »Schöpfer« war dann die Erkenntnis: Im Bereich digitale Medien hat man nur im Team eine Chance. Allein schafft man das nicht. Die dritte, durchaus ernüchternde Häutung war: Heute widme ich höchstens ein Drittel meiner Zeit kreativen Lösungen und gestalterischen Konzepten. Zwei Drittel investiere ich in Projektmanagement, Akquise, Kundenbetreuung, Kalkulation. Die Basis ist aber nach wie vor der kreative Impuls alles andere muss und kann man lernen. Wenn das kreative Feuer nicht brennt, sollte man es lieber gleich lassen.
Muss man lernen, Kompromisse zu machen? Gegenfrage: In welchem Lebensbereich gibt es keine Kompromisse? Ich glaube, es ist ein Mythos - auch unter uns Kreativen -, dass Selbstverwirklichung Kompromisslosigkeit bedeutet. Wer mit dem hehren Anspruch daherkommt, unbedingt sein Ding durchziehen zu müssen, wer glaubt, seine Idee, sein Design sei der Nabel der Welt, muss leider Diktator werden. Ich will das nicht! Kompromisslosigkeit hat für mich etwas Monströses. Ohne Kompromissfähigkeil, ohne Dialogfähigkeit geht es nicht, auch nicht gegenüber den Kunden.
Stören Kunden einen Kreativen nicht in Wirklichkeit, weil der seine eigenen Vorstellungen hat und obendrein noch enge Terminkalender und knappe Budgets? Der Kunde ist ein scheues Reh und oft ein schwieriges Wesen. Aber er hat auch eine Menge einzubringen. Er kennt sein Produkt besser als ich, er kennt seine Zielgruppe besser als ich. Wenn ich dieses Wissen nicht nutzen will oder kann, habe ich ein Problem.
Haben Sie das in Ihrem Studium gelernt? Sich auf sein Gegenüber einzulassen, zuzuhören, ist eine Kunst, die in den Elfenbeintürmen der Kunsthochschulen leider wenig gelehrt wird. Designern macht es oft Mühe, andere Meinungen gelten zu lassen. Kritik an ihren Entwürfen nehmen sie leicht als persönliche Kränkung wahr. Sie können oft nicht trennen zwischen der eigenen Persönlichkeit und dem Ergebnis eines Arbeitsprozesses. Ich rate jungen Designern deshalb: Lernt, Kritik auszuhalten, lernt zu argumentieren, lernt, eure Lösungen zu kommunizieren. Wer nicht gelernt hat, die richtigen Worte zu finden, wird schnell verletzend oder fühlt sich selbst verletzt. Kunden sagen entweder »Gefällt mir« oder »Gefällt mir nicht«. Als Designer muss ich argumentieren und überzeugen können. Und ich muss als Designer auch die Größe haben, die aus meiner Sicht vielleicht zweitbeste Lösung umzusetzen, wenn sie genauer zur Zielgruppe des Kunden passt. Was nützt das tollste, design-preisverdächtige Konzept, wenn es haarscharf an der Zielgruppe des Kunden vorbeigeht?
Ein Tag im Leben des HfK-Studenten Andreas Teufel und ein Tag im Leben des Unternehmers Andreas Teufel - was ist anders? Zu Kundenorientierung gehört auch ein Tagesablauf, der sich an dem der Kunden orientiert. Als Student konnte ich natürlich auch nachts um drei arbeiten und morgens länger schlafen. Kein Unternehmer könnte aber Kunden, die ihn morgens um 9 Uhr anrufen, ausrichten lassen: »Herr Teufel - nein, der ist leider nicht zu sprechen, der liegt noch im Bett. Vielleicht kommt er heute Nachmittag.«
Was erwarten Sie heute von einer Hochschulausbildung für Kreative? Wovon haben Sie im Rückblick am meisten profitiert? Ich habe die Freiheit im Studium wirklich ausgekostet. In einer Zeit vor Bachelor- und Master-Studiengängen konnte ich meine Projekte völlig frei wählen. Es gab keine festen Raster. Im Rückblick hat das einen ganz entscheidenden Vorteil: Es spiegelt die Realität. Die Realität ist eben nicht, dass ich als Designer einen fest umrissenen Auftrag vorgesetzt bekomme, den ich dann in vorgegebener Zeit umsetzen muss. Die Realität sieht ganz anders aus. Da kommt ein Kunde, der noch nicht weiß, was er will. Ich sitze also tatsächlich vor einem weißen Blatt. Über diese Hürde bringt mich allein meine Kreativität, ich brauche eine Idee, ein Konzept. Das kann ein sehr einsamer Prozess sein, in dem ich nur meinen Kopf, meine Hand, einen Computer habe - das muss ich im Studium lernen. Bei einer rigiden Verschulung der Ausbildung, in der ich ständig an die Hand genommen werde, werde ich das Entscheidende nicht lernen.
Haben Sie Vorschläge, Anregungen, was die Hochschulen noch besser machen können als zu Ihrer Zeit? Es ist kein Widerspruch, wenn ich einschränke: Ich hätte mir gewünscht, schon im Studium ein biss ehen mehr über Wirtschaftlichkeit zu erfahren. An den Hochschulen wird darin oft ein Gegensatz gesehen: Wirtschaftliches Denken schränkt Kreativität ein. Ein fatales Missverständnis. Künstler, Designer sind ja nicht nur Schöpfer im kreativ-ästhetischen Sinne, sie sind auch Schöpfer in einem unternehmerisch wirtschaftlichen Sinn. Wir müssen uns auf einem Markt behaupten. Es ist also völlig falsch, dieser Gruppe Basiskenntnisse zu verweigern, die sie zwingend zum Überleben braucht. Das ist so, als würde man Menschen im Pool mit Schwimmflügeln das Schwimmen beibringen und sie anschließend ohne Schwimmflügel in den Ozean werfen. Da kann man nur untergehen. Es gibt gerade im kreativen Bereich viele gescheiterte Existenzen, weil sie diesen unternehmerischen Teil nicht verstanden haben und vielleicht gar nicht merken konnten, dass das ein zentraler Punkt werden wird.
Gelegenheit für ein Plädoyer: Können Sie heutigen Studierenden empfehlen, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen? Ja, ein eindeutiges Ja. Aber ich würde nie sagen: jeder kann es schaffen. Das wäre falsch. Man muss etwas mitbringen. Das Erste ist: Glaube an sich selbst. Ich meine nicht Selbstgefälligkeit. Mit der geht man anderen nur auf den Geist. Ich meine eine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten. Wer nicht glaubt, dass er ein guter Gestalter ist, sollte es lassen. Das Zweite: Ohne das, was ich »kreatives Feuer« genannt habe, ohne Lust am Gestalten und Machen geht es nicht. Wenn ich zwar ganz gerne mal etwas gestalte, meinen Tag aber auch wunderbar mit Nichtstun verbringen kann, ist eine selbstständige Tätigkeit das Falsche. Wir leben, was wir tun, und wir lieben, was wir tun. Das heißt auch: Wir lassen nicht um 18 Uhr den Griffel fallen - das geht nicht. Das Dritte, was ich jungen Leuten auf den Weg geben kann: »Seid authentisch!« Es stimmt - man muss Kompromisse machen können, aber man darf sich im Innersten nicht verbiegen. Das kostet die eigene Kreativität und die Glaubwürdigkeit. Das Vierte: Macht Euch klar, dass Gestalter Verantwortung tragen! Wenn Euer Unternehmen wächst, werdet Ihr Mitarbeiter haben. Eure Mitarbeiter werden Familie und Kinder haben. Ihr seid also nicht allein für Euch selbst verantwortlich. Unternehmen sind auch soziale Gemeinschaften. Last, not least: Seid Euch dessen bewusst, dass Ihr als Designer einen gesellschaftlichen Auftrag habt! Design heißt für mich nicht, den nächsten Chic, den nächsten Trend mit einem Verfallsdatum von zwei, drei jahren zu setzen. Design heißt, Umwelt zu gestalten. Dazu brauche ich Wissen, ich brauche Geschichte, Theorie, Selbstreflexion. Gestalter sein heißt, sich Rechenschaft abzulegen, sich bewusst zu sein, dass vor uns und nach uns Gestalter ihre Umwelt geprägt haben und prägen werden, und sich zu fragen: »Will ich auf dem Berg einer Müllkippe stehen oder auf den Schultern von Riesen?«
Nach einem Germanistikstudium in Düsseldorf studierte der 1970 geborene Andreas Teufel von 1992 bis 1998 Grafikdesign an der HfK Bremen mit Schwerpunkt Typografie und Digitale Medien. Nach dem Diplom gründete er 1999 die Multimediaagentur »die Informationsgesellschaft mbH«. Inhaltliche Schwerpunkte der Arbeit: Design, Internet- und Intranetsysteme, Redaktionssoftware, Besucherinformationssysteme, Animation, Visualisierung. Seit 2001 regelmäßige Lehraufträge an der Hochschule Bremen, seit 2008 auch an der FH Potsdam. 2007 trat Andreas Teufel in den Vorstand der Wirtschaftsjunioren Bremen ein und wurde ZO08 zu deren Sprecher gewählt. | |  |